2.10. Tag der Gewaltlosigkeit – Gewalt fängt mit der Sprache an

//2.10. Tag der Gewaltlosigkeit – Gewalt fängt mit der Sprache an

2.10. Tag der Gewaltlosigkeit – Gewalt fängt mit der Sprache an

Eine verletzende Bemerkung, ein beleidigendes Wort – viele Situationen lassen uns Sprache als gewaltförmig erfahren. Worte sind immer noch die am weitest verbreitete und die am häufigsten eingesetzte Waffe!

 

Führt eine Sprache des Hasses und der Erniedrigung auch zu aggressivem Handeln?

Sprechen und Handeln sind im Gehirn eng miteinander verbunden“, sagt der Neurowissenschaftler Joachim Bauer aus Freiburg. „Das neurologische Sprachareal ist beim Menschen in die Netzwerke eingebettet, in denen auch die Handlungen geplant werden“, ergänzt er.

Schmerzsysteme werden im Gehirn aktiviert

„Eine Reihe neuerer Studien zeigt, dass die Schmerzsysteme des Gehirns nicht nur dann reagieren, wenn uns körperlicher Schmerz zugefügt wird, sondern auch, wenn wir soziale Zurückweisung und Ausgrenzung erfahren“, sagt Bauer. Werden diese Gehirnbereiche aktiviert, können Aggression oder Depression befördert werden, folgert der Professor der Uniklinik Freiburg. Das gewaltsame Sprechen schmerzt oft mehr als ein Schlag ins Gesicht, geht es doch meist tief, berührt unsere Ängste und unser Gerechtigkeitsempfinden.

Welchen Einfluss haben soziale Medien bei sprachlicher Gewalt oder gewalttätigen Sprache

Mit neuen Medien entstehen auch neue Formen symbolischer Gewalt, wie die Phänomene des Cyber-Bullying oder der Handygewalt zeigen. Hier wird die ausgeübte Gewalt mit der Handykamera aufgezeichnet und dann im Netz verbreitet. Die Gewalttat wird gewissermaßen nur Mittel zum Zweck für die symbolische Gewalt, die die Betroffenen durch die Verbreitung und Reproduktion der Bilder erfahren.

Denn raus kommt nur was auch drin ist!

Wörter, Witze, Redewendungen können uns psychisch verletzen, doch wird oft genug durch den Missbrauch der Sprache auch eine körperliche Verletzung vorbereitet. Sprache ist nicht bloße Kommunikation sondern Ausdruck unseres Denkens und Handelns, kann positive oder negative Gefühle wecken und übertragen. Diese Gewalt durch die Sprache funktioniert dadurch, dass sie von der Mehrheit der Gesellschaft anerkannt oder zumindest geduldet wird, in den sozialen System in dem die Sprechenden leben, verankert und in den realen ungleichen Machtverhältnissen und Lebenschancen begründet ist. Und so ist das 1935 ausgehängte Schild in einem Restaurant ‚Juden nicht erwünscht’ der Vollzug einer diskriminierenden Handlung der Rassentrennung und kein ‚unschuldiger’ Ausdruck eines Gedankens bzw. einer Idee.

Sprache schafft Wirklichkeit

Unsere Umgangssprache stellt uns eine nicht enden wollende Liste von Begriffen zur Verfügung die gewalttätige Handlungen in der Form der Rede auszudrücken ermöglichen: Wir tadeln, kritisieren und verurteilen; wir verdächtigen, verleumden, verraten oder begehen Rufmord; wir stellen bloß und hetzen auf, wir redentaktlos; wir beschimpfen, drohen, fluchen und provozieren; wir hänseln, verspotten und wir machen lächerlich … Aber nicht nur das was, auch wie es gesagt wird ist von Bedeutung.

Warum können uns Worte verletzen?

Die amerikanische Philosophin Judith Butler begründet die verletzende Kraft der Worte damit: Wir sind auf Sprache angewiesen – erst die Anrede macht aus Menschen Personen. Wir wollen angesprochen werden, miteinander kommunizieren und damit als soziales Wesen anerkannt werden. Diese Liaison von Anerkennung und Anrede ist es auch , die uns zugleich durch Worte verletzbar macht. Durch die personale Anerkennung in der Rede sind wir in die soziale Welt eingebettet. Beleidigung verstößt uns aus der sozialen Welt. Diskriminierende Sprache kränkt uns somit auch im psychosomatischen Sinne.

Es beginnt schon im Kleinen bei jedem einzelnen

Gibt es eine Rhetorik sprachlicher Verletzung? Lassen sich Schemata angreifender Sprache unterscheiden?Die Rhetorik der Diskriminierung ist durch Trennung, Stereotypisierung und Ab- oder Entwertung rekonstruierbar. An folgendem Beispiel lässt sich das ganz gut zeigen.

Aussage: „War ja klar, ein Frauenteam, wir hätten das ja ganz anders gemacht.“

Trennung: „ wir hätten das ja ganz anders gemacht ..“ – ihr gehört nicht zu uns

Stereotypisierung : ein Frauenteam – typisch

Ab- oder Entwertung: „War ja klar !“ – im Sinne von , Frauenteam – kann ja gar nicht anders sein

 

Die Macht von „aber“, „sogar“, „eigentlich“ und „zwar“

Es gibt jedoch auch implizite Verletzungen von Füllwörtern, die wir alle tagtäglich benutzen. „Die Frau ist zwar blond, aber sie leistet gute Arbeit.“ oder „Es gibt an der Uni viele gute Forschungsschriften, sogar von Müttern.“ „Deine Suppe schmeckt eigentlich ganz gut!“ Wir sehen also, dass niemand auch im Alltag davor gefeit ist, und es ganz schnell gehen kann.

Tatsächlich birgt ein Gutteil unseres Lachens und unseres Humors eine aggressive Komponente. Die Witzforschung bietet somit ein reichhaltiges Reservoire zur Aufdeckung der Mechanismen des Verletzens mittels Sprache.

Der Schlüssel ist Respekt

Der Schlüssel zu einer Sprache ohne Gewalt ist der Respekt. Gewalttätige Sprache kann nur dort beginnen wo der Respekt vor dem Anderen, dem Fremden, dem Unbekannten fehlt.

Sprache, so ist zu resümieren, ist also nicht nur ein Reservoir von Gewalt: Sie stellt zugleich die Mittel bereit, diese Gewalt auch habhaft zu werden.

 

Buchtipp

Krämer/ Koch (2010): Gewalt in der Sprache

https://www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-4933-7.html

 

Hermann/Krämer/Kuch

Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung

 

2017-09-20T10:34:22+00:00